Einer Studie zufolge, die das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) in Auftrag gegeben hat, gelingt Jugendlichen ohne Abitur der Übergang in eine Ausbildung immer schwieriger. Das Berufsbildungssystem ist im letzten Jahrzehnt stark unter Druck geraten: Hatte sich die Zahl der neuen Ausbildungsverträge bereits im Nachgang der Wirtschafts- und Finanzkrise seit 2008 um etwa 100.000 auf rund 520.000 in den letzten Jahren vor der Corona-Pandemie verringert, so sank diese Zahl im Jahr 2020 im Zuge der Pandemie weiter auf unter 470.000 und erreichte damit einen historischen Tiefstand.

Die Ergebnisse der Studie „Kein Anschluss trotz Abschluss?! Benachteiligte Jugendliche am Übergang in Ausbildung“, die das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) jetzt veröffentlicht hat, deuten darauf hin, dass die Stabilisierung des Ausbildungsmarktes in den letzten Jahren fast ausschließlich durch mit Abiturientinnen und Abiturienten besetzte Ausbildungsplätze verursacht wurde. Sie machen nicht nur einen höheren Anteil an allen neuen Ausbildungsverträgen aus, sondern es steigt auch der Anteil der Abiturientinnen und Abiturienten, die im Anschluss an das Abitur eine duale Ausbildung absolvieren. Gleichzeitig sinken die Übergangschancen in duale Ausbildung für Jugendliche ohne Abitur, explizit aber auch für Jugendliche, die einen mittleren- bzw. Realschulabschluss haben.

Die Ergebnisse widerlegen zum einen die Behauptung, dass die duale Berufsausbildung in Deutschland für Abiturientinnen und Abiturienten unzureichend attraktiv sei und zum anderen, dass sie nur das Studium im Blick hätten. Das Gegenteil ist richtig: das Abitur wird mehr und mehr zur zentralen Zugangsvoraussetzung für eine duale Ausbildung.

Demgegenüber haben alle anderen Gruppen von Schulabgängerinnen und Schulabgängern schlechtere Übergangschancen in die duale Ausbildung als noch vor ein paar Jahren. Während vor allem Jugendliche mit Realschulabschluss zwischen qualifizierenden schulischen Berufsausbildungen und dem Erwerb der Studienberechtigung wählen können, stehen diese Optionen Jugendlichen mit und ohne Hauptschulabschluss kaum bzw. nicht zur Verfügung. Ihnen gelingt entweder der Einstieg in eine duale Ausbildung oder sie münden ins Übergangssystem. Dabei sind die Chancen sowohl für Jugendliche mit als auch ohne Hauptschulabschluss deutlich schlechter als noch Anfang des letzten Jahrzehnts – in beiden Fällen sind die Übergangsquoten mit knapp 50% bzw. knapp 80% um etwa zehn Prozentpunkte niedriger als noch 2012. Dementsprechend hat sich die Zahl der jungen Menschen, die in das sogenannte Übergangssystem einmünden, in den vergangenen Jahren deutlich auf über 250.000 erhöht, zwischenzeitlich waren es sogar noch einmal rund 300.000.

Bei der Frage, welche Gruppen von jungen Menschen voraussichtlich vom weiteren Rückgang der Zahl der Ausbildungsplätze im dualen System besonders betroffen sein werden, kommt die Studie zu dem Schluss, dass es vor allem die Jugendlichen mit und ohne Hauptschulabschluss, aber auch – möglicherweise mit wachsender Tendenz – diejenigen mit einem Realschulabschluss sein werden. Diese drei Gruppen hatten bereits in den vergangenen fünfzehn Jahren beträchtliche und wachsende Schwierigkeiten, einen Ausbildungsvertrag zu bekommen. Das Nadelöhr am Übergang Schule – Ausbildung wird deutlich enger. Für viele Jugendliche gilt somit: Trotz Abschluss kein Anschluss.

Hören Sie dazu auch das am 13.04.2021 mit Peter Dohmen im Deutschlandfunk geführte Interview zum Thema: „Abgehängte Jugendliche in der Pandemie“.

THEMEN: Ausbildung, Jugendarbeitslosigkeit, Gesellschaft