Die Liste der Bankenpleiten in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs ist deutlich länger, als man das vielleicht vermuten würde. Haben doch insbesondere wir Deutsche fast grenzenloses Vertrauen in unsere Bankenlandschaft. Tatsächlich gingen allein von 1950 bis 1974 fast 70 Banken in Deutschland in die Insolvenz und verschwanden – nicht selten mit Geld ihrer Kunden – vom Markt. Wirecard und Greensill rücken das Thema Einlagensicherung aktuell wieder in den Fokus der Öffentlichkeit.

Den Grundstein für die Einlagensicherung legten im Jahr 1934 in Folge der Bankenkrise von 1931 die genossenschaftlich organisierten Volks-und Raiffeisenbanken mit dem Kreditgenossenschaftlichen Garantiefonds. 1966 folgte dann der Bundesverband des privaten Bankgewerbes mit dem Gemeinschaftsfonds des privaten Bankgewerbes.

Die Herstatt Pleite als Wegbereiter der heutigen Einlagensicherung

Herstatt Bank in Köln

Die Herstatt Bank war eine Kölner Privatbank in der Rechtsform einer Kommanditgesellschaft auf Aktien, die von Iwan David Herstatt mit Unterstützung u. a. des Versicherungsunternehmers Hans Gerling gegründet und von Herstatt geleitet wurde. Schnell identifizierte Herstatt im Jahr 1971 das Gewinnpotential aus der Freigabe der Wechselkurse, die sich fortan nicht mehr innerhalb von Wechselkursbandbreiten bewegten, sondern von den Zentralbanken fast vollständig der Marktentwicklung überlassen wurden. Dies ermöglichte insbesondere Devisenspekulationen auf die zukünftige Kursentwicklung des US-Dollars.

Mit Ende der Ölkrise im November 1973 rechneten die Herstatt Devisenhändler, angeführt von Danny Dattel, mit einem weiter steigenden US-Dollar. Die Fehleinschätzungen der Entwicklung des US-Dollars führten dann Mitte 1973 zu Verlusten, die das haftende Eigenkapital der Herstatt Bank deutlich überstiegen. Anfang 1974 wurde die Lage dramatisch: die offenen Devisenpositionen erreichten 8 Mrd. Mark.

Nachdem der Herstatt Bank als Folge die Lizenz zum Ausüben des Bankgeschäfts entzogen wurde, versammelten sich Hunderte empörte Kunden vor dem repräsentativen Sitz der Bank. Sie wurden beruhigt: Kleinanleger bekämen ihr Geld ganz oder zu großen Teilen zurück. Nach der Pleite stiegen jedoch die Schulden weiter: 2,2 Milliarden Mark Schulden standen Werte von nur knapp einer Milliarde Mark gegenüber. Nun gab es zwei Optionen: den Konkurs mit Totalverlust eintreten lassen oder einen Vergleich. Er sollte großen Gläubigern, die weder Banken noch Kommunen waren, 65% ihrer Einlagen garantieren, staatlichen Einrichtungen sowie ausländischen Banken 55% und deutschen Banken 45%. Im Dezember 1974 entschied man sich für den Vergleich. Der Versicherungsunternehmer und Hauptaktionär bei Herstatt, Hans Gerling, musste die Hälfte seines Konzerns an die Deutsche Bank als Kreditsicherheit verpfänden, um mit 210 Millionen Mark einzuspringen. Als Konsequenz aus der Pleite wurde der Einlagensicherungsfonds der deutschen Kreditwirtschaft gegründet.

Die juristische Aufarbeitung gestaltete sich schwierig. Herstatt, der Danny Dattel als Abteilungsleiter des Devisenhandels für den Zusammenbruch der Bank verantwortlich machte, wurde letztlich zu zwei Jahren wegen Untreue verurteilt. Die Strafe wurde ihm anschließend erlassen. Andere Manager wurde teilweise freigesprochen bzw. zu bis 7 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Das Verfahren gegen Danny Dattel, der sicherlich viel zu sagen gehabt hätte, wurde noch 1979 wegen Schuldunfähigkeit aufgrund des ihm bescheinigten KZ-Syndroms eingestellt. Er war mit seiner Mutter als Vierjähriger nach Auschwitz deportiert worden, weshalb ihm mehrere Gutachter das KZ-Syndrom bescheinigten. Er lebt heute öffentlichkeitsscheu und verarmt in Köln.

Einlagensicherung in Deutschland heute

In keinem anderen Land in Europa ist die Einlagensicherung so komplex wie in Deutschland. Der Grund hierfür liegt im Bankensystem und den Marktteilnehmern begründet. So gibt es bei uns private Banken, zu denen z. B. die Deutsche Bank AG gehört, öffentlich-rechtliche oder genossenschaftlich organisierte Banken wie die Sparkassen sowie die Volks- und Raiffeisenbanken. Jede Gruppe hat ein eigenes System der Einlagensicherung.

Entschädigungseinrichtung deutscher Banken (EdB)

Für die privaten Banken ist die EdB zuständig, die im Auftrag des Staates die gesetzliche Einlagensicherung und Anlegerentschädigung übernimmt. Die EdB finanziert sich aus Beiträgen der beteiligten Finanzinstitute, die als unselbständiges Sondervermögen des Bundes verwaltet werden. Das bedeutet in Folge, dass NICHT der Bund, also der Staat, sondern die einzelnen Banken untereinander die Einlagen garantieren. Bezüglich der Höhe der Mittel oder des Betrages, zu dem Spareinlagen abgesichert sind, hüllt sich die EdB in Schweigen. Nach eigenen Angaben ist die EdB nicht für hohe Zahlungsausfälle oder eine schwere generelle Krise im Bankensektor ausgelegt und finanziell ausgestattet.

Einlagensicherungsfonds des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB)

Der freiwillige Einlagensicherungsfonds des Bundesverbandes deutscher Banken wurde 1976 gegründet und existiert heute neben der seit 1998 bestehenden gesetzlichen EdB. Bei dem freiwilligen Sicherungsfonds der privaten Banken gab es noch bis zum 31. Dezember 2014 eine Sicherungsgrenze, die bei 30 % des maßgeblichen haftenden Eigenkapitals der jeweiligen Bank je Gläubiger liegt. Bei einem haftenden Eigenkapital von beispielsweise 200 Millionen Euro einer Bank ist also das Vermögen jedes einzelnen Kunden mit bis zu 60 Millionen Euro abgesichert, sofern der Fonds über die entsprechenden Mittel verfügt. Die Sicherungsgrenze wird stufenweise reduziert: Ab 1. Januar 2015 beträgt die Sicherungsgrenze je Gläubiger 20 %, ab 1. Januar 2020 zunächst 15 % und ab dem 1. Januar 2025 dann 8,75 % des für die Einlagensicherung maßgeblichen haftenden Eigenkapitals der Bank.

Entschädigungseinrichtung des Bundesverbandes Öffentlicher Banken Deutschlands (EdÖ)

Rechtsgrundlage für die Entschädigung von Einlegern ist das Einlagensicherungsgesetz. Danach haben im Entschädigungsfall Einleger gegen das Einlagensicherungssystem, dem das Kreditinstitut angehört, einen Anspruch auf Entschädigung. Die Entschädigungseinrichtung des Bundesverbandes Öffentlicher Banken Deutschlands GmbH (EdÖ) schützt Einlagen bis zu einer maximalen Höhe von 100.000 Euro. Als Einleger geschützt sind neben Privatpersonen auch Personengesellschaften und Kapitalgesellschaften. Der Einlagenschutz umfasst sämtliche Einlagenarten, insbesondere Sicht-, Termin- und Spareinlagen, unabhängig davon, auf welche Währung die Einlagen lauten. Verbindlichkeiten, über die eine Bank Inhaberpapiere ausgestellt hat, wie Inhaberschuldverschreibungen und Inhabereinlagenzertifikate, werden dagegen nicht geschützt. Für bestimmte Einlagen besteht für einen Zeitraum von sechs Monaten nach Gutschrift ein erhöhter Schutzumfang von bis zu 500.000 Euro. Dies betrifft u.a. Beträge über 100.000 Euro aus Immobilientransaktionen im Zusammenhang mit privat genutzten Wohnimmobilien, sowie solche, die soziale, gesetzlich vorgesehene Zwecke erfüllen und an bestimmte Lebensereignisse eines Einlegers geknüpft sind (z. B. Heirat, Scheidung, Renteneintritt, Kündigung, Invalidität). Ein erhöhter Schutzumfang für einen Zeitraum von sechs Monaten gilt zudem im Hinblick auf Beträge, die auf die Auszahlung von Versicherungsleistungen / Entschädigungszahlungen für aus Gewalttaten verursachte gesundheitliche Schädigungen beruhen.

Institutssicherung bei Sparkassen, Landesbanken und Genossenschaftsbanken

Sparkassen, Landes- und Genossenschaftsbanken sind keine Mitglieder in den oben aufgeführten Entschädigungseinrichtungen. Sie unterstützen sich bei Schwierigkeiten gegenseitig im Rahmen der Institutssicherung. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass es überhaupt zu einer Insolvenz und einer daraus resultierenden Entschädigung kommt. Daher sind Einlagen der Kunden praktisch in unbegrenzter Höhe abgesichert. Die Sparkassen haben zudem ein eigenes Sicherungssystem. Im Falle einer wirtschaftlichen Schieflage eines Mitgliedsinstituts, sichern die anderen Mitglieder im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben die Solvenz der betroffenen Sparkasse. Ergänzend sind die Genossenschaftsbanken in der Sicherungseinrichtung des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken organisiert.

Fragen und Antworten in übersichtlicher Darstellung veröffentlicht die Bafin auf ihrer Internetseite.

Wie bekommt man im Entschädigungsfall sein Geld zurück?

In Deutschland ist das System für Kunden und Anleger recht bequem. Hat die Bafin die Zahlungsunfähigkeit und den Entschädigungsfall festgestellt, werden den Kunden vom EdB automatisch Erstattungsanträge zugeschickt. Etwas länger dauert es, wenn das Guthaben die 100.000-Euro-Grenze überschreitet und die zahlungsunfähige Bank Mitglied im Sicherungsfonds des BdB ist. Dann überträgt die EdB die gesamte Entschädigung auf den BdB. Der wiederum prüft die Forderung und gleicht sie innerhalb von ein bis zwei Monaten aus. Vergleichbar läuft es bei ausländischen EU-Banken, die dem deutschen BdB-Fonds angehören.

Fazit

Das Banken- und auch die Entschädigungssysteme in Deutschland gehören sicherlich zu den besten in Europa. In Normalfällen, bei denen auch nicht die Grenze von 100.000 Euro überschritten wird, darf mit einer reibungslosen und zügigen Entschädigung gerechnet werden. Etwas mehr Vorsicht sollten Sie bei Banken im Ausland sein, auch wenn diese ähnliche Sicherungssysteme unterhalten. Der eine oder andere Anleger erinnert sich möglicherweise noch an die isländische Kaupthing Bank, die auch in Deutschland knapp 40.000 Kunden hatte. Nach der Pleite und festgestelltem Entschädigungsfall versuchten die Isländer, die Entschädigung auf isländische Staatsbürger zu begrenzen, um eine Staatspleite abzuwenden. Nach langem Hin und Her und durch Intervention der deutschen Bundesregierung wurden dann doch auch deutsche Anleger entschädigt. Es hätte allerdings auch anders laufen können.

THEMEN: Kreditwirtschaft, Geldanlage, Wirecard