Seit Beginn der Corona-Pandemie sind für viele junge Absolventen wichtige Lebensentscheidungen beeinträchtigt. Dazu gehört im Wesentlichen auch die berufliche Orientierung. Die sogenannte „Generation Lockdown“ hat nicht selten das Gefühl, mit ihrem während der Pandemie erworbenen Abitur oder Studium nicht nur eine minderwertige Ausbildung erhalten zu haben, sondern auch entscheidende Lebensphasen verpasst und die Zukunft verbaut bekommen zu haben.

81% der 16- bis 19-Jährigen sind davon überzeugt, dass sich ihr Leben stark verschlechtert hat. Dies hat eine repräsentative Studie der Krankenkasse BKK ergeben. Rund die Hälfte der 16- bis 29-Jährigen gehen laut der Studie davon aus, dass sie durch die Corona-Pandemie deutliche Nachteile im Berufsleben haben. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch eine repräsentative Umfrage der Bertelsmann-Stiftung.

Wilfried Schubarth, emeritierter Professor für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam: „Jugend als Experimentierphase, in der man sich gemeinsam mit anderen ausprobiert, existiert gerade nicht. Das beeinträchtigt viele wichtige Lebensentscheidungen, die erst verspätet nachgeholt werden können. Aus Angst und Alternativlosigkeit streben gerade viele ein Studium an, was jedoch später zu erhöhten Abbrecherquoten führen kann.“

Die allgemeine Unsicherheit beherrscht auch die Erwartungen der Generation Lockdown an den Arbeitsmarkt. Vor der Corona-Krise waren sich Absolventen sehr bewusst darüber, dass sich der Arbeitsmarkt im starken Wettbewerb um junge, gut ausgebildete Talente befand und forderten wie selbstverständlich entsprechend viel von potentiellen Arbeitgebern ein. Dieses Selbstverständnis ist vorerst passé. Aktuell stehen Arbeitsplatzsicherheit und unbefristete Verträge ganz oben auf der Liste der Auswahlkriterien bei Arbeitgebern und Stellenangeboten. Die Attraktivität von Stellen im öffentlichen Dienst erlebt eine Renaissance. Aktuell liegt bei den Absolventen auch nur wenig Risikobereitschaft vor, so dass kleinere, weniger etablierte Unternehmen oder gar Start-Ups das Nachsehen haben.

Studien belegen, dass Hochschulen, aber auch Unternehmen gut beraten wären, wenn sie den jungen Schul- und Hochschulabsolventen Angebote – auch in digitaler Form – zur beruflichen Orientierung machen würden.

Von den jungen Absolventen kommen auch einige Kritikpunkte. So empfinden viele Bewerber die Inhalte von Stellenausschreibungen als schwer verständlich, so dass viele Berufsbilder unklar bleiben. Auch die Rekrutierungsprozesse vieler Unternehmen kommen nicht gut weg: zu lang, zu intransparent und zu unübersichtlich. Unternehmen sollten sich daher jetzt um eine verständliche, zielgruppenentsprechende Karrierekommunikation kümmern, auch wenn Einstellungen erst in naher Zukunft wieder erfolgen werden.

Auch das nahe Umfeld von jungen Absolventen ist jetzt gefragt. Die Absolventen brauchen jetzt Vorbilder, die ihnen Mut machen, dass es auch in der Vergangenheit bereits Krisen gegeben hat und danach trotzdem alles wieder gut wurde. Hier ist insbesondere auch das Elternhaus gefragt. Jetzt ist besonders wichtig, Sorgen und Ängste ernst zu nehmen und den Jugendlichen und jungen Erwachsenen zuzuhören.

THEMEN: Gesellschaft, Ausbildung, Bildung, Beruf