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Glasgow (dpa) – Die Zahl der Lobbyisten für fossile Energieträger bei der UN-Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow hat zu Beginn der zweiten Woche des Gipfels Kritik von Klimaschützern auf sich gezogen.

Nach Angaben der Organisation Global Witness ist die Zahl der Öl- und Gas-Lobbyisten größer als jede einzelne Delegation der teilnehmenden Länder. Das geht den Angaben zufolge aus eine Liste der Vereinten Nationen hervor. Demnach sind bei der Konferenz 503 Lobbyisten der Öl- und Gasindustrie akkreditiert. Die größte nationale Delegation Brasilien hat hingegen nur 479 Mitglieder. Gleichzeitig hätten sich viele Gruppen aus Ländern, die vom Klimawandel besonders betroffen sind, über mangelnden Zugang zu der Konferenz beklagt, hieß es in der Mitteilung weiter. Die Anwesenheit Hunderter Lobbyisten werde «die Skepsis von Klimaschutzktivisten nur noch erhöhen», warnte Murray Worthy von Global Witness der Mitteilung zufolge.

Bei der COP26 in Glasgow ringen derzeit Staats- und Regierungschefs sowie Delegationen und Experten aus 200 Ländern darum, wie das Pariser Klimaziel von einer Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius erreicht werden kann. Am Montag reisen zahlreiche Minister und Regierungschefs nach Schottland, um den Verhandlungen der rund 200 vertretenen Staaten Schwung zu geben. Bundesumweltministerin Svenja Schulze kommt erst gegen Ende der Woche dazu, die SPD-Politikerin ist an den Verhandlungen über eine Koalition von SPD, Grünen und FDP im Bund beteiligt.

Verantwortung liegt bei Industrienationen

Bei dem Mammuttreffen in Glasgow mit knapp 30.000 Delegierten steht heute das heikle Thema Geld auf der Agenda. Arme Staaten, die schon jetzt unter Dürren, Überschwemmungen und steigendem Meeresspiegel wegen der beschleunigten Erderhitzung leiden, pochen auf Schadenersatz der reichen Industrieländer. Diese reagieren aber seit Jahren zurückhaltend – auch weil sie Klagen auf Reparationen vor Gericht fürchten. Dennoch rief die britische Regierung die reichen Industriestaaten ausdrücklich auf, vor 2030 mehr Gelder im Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe bereitzustellen. «Wir müssen nun handeln, um zu verhindern, dass der Klimawandel immer mehr Menschen in die Armut stürzt», sagte Handelsministerin Anne-Marie Trevelyan, die heute in Glasgow die Gespräche über entsprechende finanzielle Zusagen leiten sollte. Die Finanzierung ist eines der strittigsten Themen in den Klimaverhandlungen. So gestanden die Industriestaaten bereits ein, ihre Zusage von 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr für besonders vom Klimawandel betroffene Staaten voraussichtlich erst drei Jahre verspätet erstmals vollständig einzuhalten, konkret im Jahr 2023.

Guterres: «Die Sirenen heulen»

Zur Halbzeit der Konferenz hatte der Premierminister Boris Johnson – Gastgeber des Gipfels in Schottland – weitere Zusagen und mehr Kompromisswillen der Staaten eingefordert. Es gehe um das 2015 in Paris gemeinsam gesteckte Ziel, die Erderhitzung auf noch erträgliche 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit einzudämmen. UN-Generalsekretär António Guterres mahnte eine Lösung an. «Die Sirenen heulen», twitterte er am frühen Morgen. «Unser Planet sagt uns etwas, wie auch die Menschen überall. Wir müssen zuhören, wir müssen agieren, und wir müssen uns weise entscheiden». Diese Entscheidung müsse für den zum Schutz der Zukunft und zur Rettung der Menschheit fallen.

Demos auf der ganzen Welt – Merkel zeigt Verständnis

Am Freitag und übers Wochenende machten Zehntausende Menschen in Glasgow, ganz Großbritannien und vielen weiteren Ländern ihrem Unmut über den jahrzehntelang verschleppten Klimaschutz Luft und forderten mehr Klimagerechtigkeit. Die weltweit bekannteste Aktivistin, die Schwedin Greta Thunberg, geißelte Tatenlosigkeit und «Blablabla» der großen Wirtschaftsnationen. Die Konferenz COP26 sei jetzt schon ein Fehlschlag. Der Gipfel soll nach bisherigen Planungen am Freitag zu Ende gehen.

Die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel hält die Proteste junger Leute für gerechtfertigt. «Glasgow hat schon einige Ergebnisse gebracht, aber aus der Perspektive junger Leute geht es berechtigterweise immer noch zu langsam», sagte die CDU-Politikerin in einem Interview der Deutschen Welle. Die Staatengemeinschaft habe immer wieder einiges getan für den Klimaschutz, dennoch seien die Berichte des Weltklimarates IPCC «immer warnender und immer bedrohlicher geworden». «Und da sage ich den jungen Leuten, sie müssen Druck machen, und wir müssen schneller werden», betonte Merkel. Man sei zwar schneller geworden. «Aber nie war es so, dass nicht der Abstand zu den wissenschaftlichen Einschätzungen noch mal gewachsen ist. Und das muss sich jetzt in diesem Jahrzehnt verändern. Wir müssen wieder den wissenschaftlichen Einschätzungen folgen: Und das heißt eben, sehr nah bei 1,5 Grad Erderwärmung bleiben.»

Kritik an Saudi-Arabien

Gestern warfen Umweltschützer dem ölreichen Königreich Saudi-Arabien vor, die Verhandlungen blockieren zu wollen. Regierungsvertreter aus Riad hätten sich am späten Freitagabend gegen ehrgeizige Formulierungen zum Klimaschutz in der geplanten Abschlusserklärung gewandt, beklagte Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan. Auch habe die saudi-arabische Delegation Beschlüsse blockiert, um beim Thema Anpassung an die Folgen der Erderwärmung voranzukommen. Morgan sagte, solche strategischen Manöver des autoritär regierten Staats seien «zynisch», aber leidlich bekannt.

Die US-Regierung von Präsident Joe Biden rief derweil China als größten Verursacher von fossilen CO2-Emissionen zu verstärkten Anstrengungen beim Klimaschutz auf. «Wir erwarten von China, dass es sich der Verantwortung für das Klima stellt», sagte der Nationale Sicherheitsberater des Weißen Hauses, Jake Sullivan, dem Sender CNN. Die USA sind die weltgrößte Volkswirtschaft und – hinter China – der zweitgrößte Verursacher von CO2-Emissionen.

THEMEN: Klimaschutz, Energiewirtschaft