Am 05. Juni 2021 jährt sich zum achtzehnten Mal der Todestag des Neuen Marktes. Für die jüngeren Leser von uns – ja, den gab es Mal. Ein Abgesang auf ein Börsensegment.

Es waren einmal eine Branche, die sich „New Economy“ nannte und zu Anfang bei nicht wenigen Akteuren aus einem Schreibtisch im heimischen Kinderzimmer bestand. Zwei Dinge hatten sie alle gemein: eine Idee, die keiner so recht verstand, aber die Welt revolutionieren sollte und notorisch klamme Kassen.

Auf den Zug der Euphorie rund um die New Economy sprang 1997 auch die Deutsche Börse auf und etablierte in Anlehnung an die us-amerikanische Nasdaq das Börsensegment Neuer Markt. Plan der Erfinder war es das Marktsegment der sog. Neuen Technologie widerzuspiegeln und jungen Unternehmen in Zukunftsbranchen wie beispielsweise in der IT, Multimedia, Biotechnik oder Telekommunikation eine Möglichkeit der Eigenkapitalfinanzierung über einen Börsengang zu ermöglichen. Soweit, so gut! Die ersten Unternehmen im neuen Index waren der Telekommunikationsanbieter Mobilcom und der Ingenieursdienstleister Bertrandt.

Von 1997 bis 2000 tummelten sich bis zu 300 Unternehmen unter dem Dach des Neuen Marktes – hatten doch auch die Banken Lunte gerochen und das einträgliche Geschäft mit den IPOs – also mit der Begleitung von Unternehmen beim Börsengang – für sich entdeckt. Praktisch wie am Fliessband erfolgten in dieser Zeit die Listings, so dass selbst Marktkenner teilweise den Überblick verloren.

Wo Licht ist, da auch Schatten und der zieht bekanntermaßen die Akteure an, die lieber unerkannt, dafür aber eigennützig auch ein Stück vom Kuchen abgreifen wollen. Denn nun traten die „Hochjubler“ auf den Plan. In keiner Zeit davor oder danach gab es so viele vermeintliche Börsengurus, die über die unterschiedlichsten Kanäle versuchten, ihre Aktienempfehlungen an Josef Jedermann zu bringen. Selbstverständlich nur dann, wenn man sich selbst davor billig mit den dann hochzujubelnden Papieren eingedeckt hatte. Ganz besonders doll trieb es der gelernte Bäcker und selbsternannte Guru Markus Frick, der dann im Rahmen rund um die Aufarbeitung der Dotcom-Blase nicht nur zu Schadenersatzleistungen, sondern auch zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Auch der Fondsmanager Kurt Ochner, der Börsenjournalist Egbert Prior oder der umtriebige Bernd Förtsch fielen durch das Kurs hochjubeln unangenehm auf, waren aber wenigstens so clever, sich nichts strafbares nachweisen zu lassen.

Selbstverständlich machten die Unternehmen selbst beim Hochjubeln mit. Sie erfanden immer neue Messgrößen, mit denen man prima Verluste verschleiern konnte. Manche aus Euphorie und Begeisterung für das eigene Produkt, nicht wenige aber auch mit einer gehörigen Portion krimineller Energie – die ihnen Jahre später ordentlich um die Ohren flog. Mit all diesen Tricks gelang es doch tatsächlich dem einen oder anderen Unternehmen höher bewertet gewesen zu sein, als eine zumindest damals solide und profitable Lufthansa. Investmentfonds trugen ebenfalls zur Verstärkung der Spekulationsblase bei, indem sie ihren Investoren immer höhere Gewinne in Aussicht stellten. Der Markt wurde regelrecht mit Internetfonds oder Technologiefonds geflutet, die selbstverständlich reissenden Absatz fanden.

Gier frisst Hirn

Geflissentlich ignorierten die Anleger fundamentale Unternehmensbewertungen, geschweige denn dass sie sich jemals mit den Jahresabschlüssen der Unternehmen beschäftigt hätten. Überhöhte Gewinnerwartungen und die Aussicht auf ein Leben als Aktienmillionär standen bei den meisten Privatanlegern ganz oben auf der Liste. So war beispielsweise eine hohe Cash-Burn-Rate für viele Privatanleger tatsächlich ein positives Unternehmensmerkmal. Die Medien übernahmen den Rest und lockten viele unerfahrene Anleger in riskante Investments.

Das Ende

Irgendwann hatte es dann jeder begriffen, dass die hochbewerteten Unternehmen die in sie gesetzten Gewinnerwartungen nicht erfüllen können – weder kurz- noch mittelfristig. Dem Börsenwert stand keinerlei Substanz gegenüber. Wenn es gut lief, bestand der Buchwert wenigstens aus Gebäuden oder der IT-Infrastruktur. So dauerte es nicht lange bis die ersten einstmaligen Hoffnungsträger Insolvenz anmeldeten. Auch kam heraus, dass in nicht wenigen Fällen die ausgewiesenen Umsätze nur fingiert waren und auch sonst ziemlich getrickst wurde. Nicht wirklich überraschend ging es im März 2000 dann ganz schnell. Die Kurse sanken, die Papiere wurden verkauft und als Folge daraus brach der Markt vollends zusammen. Unerfahrene Privatanleger machten in ihren Depots Kehraus und verkauften auf Teufel komm raus. Der Hype war so schnell vorbei wie er entstanden war, obgleich die juristische Aufarbeitung bei manchen Marktteilnehmern noch 10 Jahre dauern sollte und nicht selten mit Haftstrafen für die Initiatoren endete.

Das Vertrauen der Anleger in alles was nur ansatzweise mit Technologie zu tun hatte war erstmal futsch. Es sollte fünf Jahren dauern, bis das Beben halbwegs verdaut war. Manch Kleinanleger leckt sich seine Wunden bis heute…..

Leb wohl Neuer Markt! Es war schön mit Dir und wir werden Dich in guter Erinnerung behalten :-)!

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